Nebelschwaden hingen über dem Feld, verschleierten das Grauen unter ihnen, aber auch die wärmende Sonne über ihnen. In kleinen Gruppen standen Fichten, verkrüppelt und gebeugt vom scharfen Wind, der häufig über diese Ebene fegte. Eine Schicht Morgenreif lag über den zertrampelten Gräsern, wie um sie vor weiterer Zerstörung zu schützen. Hoch am Himmel kreiste der Rabe, bis er sich gemächlich zu einer schwarz verhüllten Gestalt senkte.
"Dachte ich mir doch, dass ich dich hier finde. Hallo Tod." krächzte der Rabe.
"Ja, an den Plätzen der großen Schlachten und Seuchen bin ich häufig anzutreffen. Hallo Rabe. Was führt dich in diese unwirtliche Gegend?"
"Ich bin durch viele Länder gereist, habe viele Geschichten gehört. Abenteuerliche, traurige, lustige, romantische, weise und viele mehr. Vieles habe ich erfahren und gelernt. Doch eines habe ich nicht verstanden. Was ist Liebe?"
"Liebe ist sehr groß und mächtig. Doch leider nur noch selten zu finden auf dieser Welt."
"Das kann nicht sein. Die Menschen sprechen doch ständig von ihr."
"Die Menschen haben vergessen was Liebe ist und sie mit vielen Dingen ersetzt. Nur an ihren Namen erinnern sie sich noch."
"Mit was haben sie Liebe ersetzt?"
"Verliebtheit."
"Aber gehört das nicht zur Liebe?"
"Verliebtheit ist explosiv, einnehmend, berrauschend, heiß und vergänglich. Liebe ist ein langsamer, endloser Strom."
"Ich verstehe. Aber viele Menschen sind nach der ersten Verliebtheit ein Paar und lieben sich."
"Dort wohnt nicht Liebe, sondern Gewohnheit, Angst und Gier."
"Gewohnheit sehe ich häufig, aber Angst?"
"Die Menschen haben Angst allein zu sein. Angst nicht zu genügen. Sie brauchen ständig Bestättigung. Liebe ist frei von Angst. Sie kann allein stehen und strahlen."
"Aber Gier ist so gegensätzlich zur Liebe. Wie kann sie die Liebe ersetzen?"
"Die Menschen wollen sich berauschen. An Macht, an Gefühlen, an Reichtum, an Sex, alles im Überfluss. Dazu nutzen sie die Liebe als Vorwand. Liebe ist genügsam. Sie ist frei von Wünschen und Begierden, Liebe ist selbstlos."
"Das klingt alles sehr traurig. Ich möchte dir nicht glauben. Die Menschen haben alle die Fähigkeit zu lieben, doch scheinen sie nicht zu nutzen."
"Ich bin müde." sagte Tod.
Tod saß gebeugt von den Lasten der Zeit auf einem Stein. Rabe konnte sein Gesicht unter der weiten Kaputze nicht sehen. Die Nebelschwaden umhüllten sie wie ein Mantel, der keine Wärme zu spenden vermag. Rabe plusterte sein Gefieder, schlug mit den Flügeln und flog davon. Er kreiste nochmal über Tod und verschwand. Tod blieb noch lange auf dem Fels sitzen, bevor er sich wieder an seine Arbeit machte.
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